„Die Massentierhaltung ist das tödliche Gift für den Geist der Menschheit“

Interview

Nach der These des Buchautoren Steffen Pichler hat die industrielle Massentierhaltung der letzten Jahrzehnte in der Menschheit eine ältere kollektive Psychose zur Eskalation gebracht, die bereits mit den Anfängen der Landwirtschaft einsetzte. Von den führenden Industriestaaten ausgehend liege hier eine komplexe Hauptursache für Konsumrausch, geistige Verflachung und beschleunigte Vernichtung der Lebensgrundlagen. Am Ende stünde genauso die völlige Überlebensunfähigkeit, wie es bei einem menschlichen Individuum mit einer schweren Psychose passiert, wenn die Krankheit nicht behandelt wird.

Das Interview mit Steffen Pichler führte Claudia Waigel für den ZEIS Verlag

Herr Pichler, worauf begründen Sie Ihre Behauptung, dass die industrielle Massentierhaltung auf der psychologischen Ebene eine von den Industriestaaten ausstrahlende Hauptursache aller von der heutigen Menschheit verursachten Eskalationen sei?

Pichler: Zunächst einmal waren die anderen Tiere immer der mit sehr weitem Abstand wichtigste mentale Anknüpfungspunkt des menschlichen Geistes an die nichtmenschlichen Anteile der Realität. Konkret erkennen lässt sich dies zum Beispiel durch die früheren Felsmalereien. Andere Tiere bildeten dort über

Felszeichnungen in der Chauvet-Höhle (Südfrankreich), ca 23.000 Jahre alt. Auf allen besiedelten Kontinenten waren andere Tierarten seit den Anfängen des abstrahierenden Malens das mit weitem Abstand dominierende Motiv.

mehr als 40.000 Jahre durchweg auf allen Kontinenten mit weitem Abstand das Hauptmotiv. Das waren nicht nur jagdbare Arten und Jagdszenen, sondern etwa auch gefährliche Fressfeinde, wie Bären und Löwen oder eher neutrale Spezies wie Adler und Schlangen. Außerdem wurden häufig Mensch-Tier-Mischwesen dargestellt. Schon in den ältesten bekannten, vor 43.900 Jahren entstandenen Malereien in der Höhle Leang Bulu auf Sulawesi gibt es Figuren, in denen Menschen mit Körperteilen von Vögeln und Reptilien kombiniert sind. Auch in der Gegenwart lässt sich dieser mentale Anknüpfungspunkt auf verschiedene Weise erkennen. So zum Beispiel bei Menschen im Kleinkindalter vor und bis kurz nach der Sprachentwicklung an der sehr starken visuellen Fokussierung, sobald sie etwa ein Eichhörnchen entdecken oder an der deutlichen Ansprache auf Stofftiere und später auf bebilderte Tiergeschichten. Auch das ist auf allen Kontinenten gleich.

Wie kann ich mir den hintergründigen Mechanismus dieser mentalen Anknüpfung an die Realität vorstellen?

Pichler: Das ist im Grunde recht einfach. Stellen Sie sich zunächst hilfsweise vor, Sie würden Ihr Gehirn neu formatieren und anschließend die Realität ganz neu entdecken. Jetzt sind also alle Information komplett weg wie auf einem leeren weißen Blatt Papier und Ihr Geist baut sich auf der Basis der von den Sinnesorganen erfassten Informationen aus der Realität ein neues Weltbild auf. Da es unter allem, was Sie nun, außer den anderen Menschen, wahrnehmen, nichts gibt, das auch nur ansatzweise eine so vielfältige und weitreichende Ähnlichkeit zu Ihnen selbst hat wie die anderen Tiere, kann die hauptsächliche mentale Anknüpfung an die nichtmenschliche Realität nur dort hinfallen. Und jetzt können Sie das Gedankenspiel über das Individuum hinaus auf den ganz großen Rahmen der Entwicklung der menschlichen Kognition übertragen. Dabei muss die wichtigste Anknüpfung ebenso auf die anderen Tiere gefallen sein. Das ist das gleiche Schema, nur dass es über viele Generationen und mit allen tierischen Vorfahren insgesamt sogar über eine Hunderte Millionen Jahre lange Entwicklungsgeschichte verlaufen ist. Ein neu geborener Mensch kommt nun nicht mit dem weißen Blatt Papier zur Welt, sondern Großteile der Kognition, des Verhaltens und unserer Wahrnehmung sind bereits vorgeprägt. Der besonders wichtige und zentrale Anknüpfungspunkt wird nicht immer wieder neu aufgebaut, sondern er liegt unverrückbar in der Mitte unseres Geistes. Das fokussierende Kind hat also in diesem Sinne nicht etwas Neues entdeckt, sondern seine Kognition erkennt gewissermaßen in dem Eichhörnchen die Gelegenheit zur mentalen Anknüpfung an die Realität. Man könnte dies auch wie eine sehr wichtige Kalibrierung des sich entwickelnden Geistes des Kindes interpretieren.

Viele Menschen würden Ihnen nun entgegenhalten, dass sich doch aber für die heutige Zivilisation neue mentale Anknüpfungspunkte an die Realität ergeben haben, so wie Technologien oder das Wissen über die größeren Zusammenhänge des Universums.

Pichler: Das ist reine Einbildung. Das Wissen über das Universum etwa spielt im Bewusstsein der meisten heutigen Menschen nur eine ganz nachrangige Rolle, schon weil es hauptsächlich theoretisch ist. Und die Technologien sind ja sogar nur Werkzeuge etwa für den Transport, den Informationstransfer und allerlei Erleichterungen und Bequemlichkeiten. Da sind im tieferen Sinne überhaupt keine neuen Anknüpfungspunkte an die Realität entstanden. Und noch mal zur Betonung: Die prägende Wahrnehmung der anderen Tiere als wirklicher und zentraler Anknüpfungspunkt an die Realität hat bei unseren eigenen evolutionären Vorfahren stattgefunden seit es Gehirne gibt, also seit mehreren hundert Millionen Jahren. Das sind fundamentalste Prägungen in den allertiefsten Regionen der von der Kognition gebildeten Psyche. So etwas könnte unmöglich durch irgendwelche nachfolgenden Informationen oder selbst kreierte Technologien ersetzt werden. All das ist stets sehr viel flacher als diese tiefsten Prägungen und somit nur oberflächlich wie ein ganz dünner Film.

Sie meinen also, dass die von Ihnen behauptete Eskalation einer Psychose der Menschheit dadurch aufgekommen ist, dass sich dieser wichtige Anknüpfungspunkt an die Realität in die Hallen der Massentierhaltung verortet hat?

Industrielle Hühnerzucht
Mehr als 60 Prozent der
Biomasse der Landwirbeltiere
des Planeten befinden sich in
Gefangenhaltung, der Großteil in
Massentierhaltung. Weitere 30
Prozent werden durch den
Menschen selbst gebildet und
nur noch wenige Prozent durch
freilebende Landwirbeltiere.

Pichler: Ich würde das etwas tiefer definieren. Die meisten größeren Landwirbeltiere außer dem Menschen selbst existieren heute in Formen der Intensivtierhaltung und jeder einzelne Mensch weiß ja woher die vielen Waren in den Supermärkten stammen. Es lässt sich anhand von empirischen Studien aus Deutschland aufzeigen, dass bei Befragungen fast 100 Prozent der Teilnehmer aussagen, dass sie grundsätzlich ein Problem mit der Massentierhaltung haben und sie diese lieber ausblenden. Suchen Sie mal irgendein anderes empirisch nachgewiesenes kognitives Problem mit größerer quantitativer Rate. Da werden Sie nichts finden, egal ob es um Umweltthemen, Klimawandel oder sonst was geht. Und was die qualitative Tiefe des Problems im Unterbewusstsein angeht, so können Sie diese mit einem kleinen Trick ein Stück weit ausleuchten, indem Sie mal gegenüber einem Gesprächspartner an passender Stelle wie beiläufig die Bemerkung einwerfen, dass „ die Massentierhaltung doch die Hölle“ sei. Das Wort „Hölle“ hat sich ja allgemein als Bezeichnung für das Schlimmste überhaupt etabliert. Wenn Sie den Test unauffällig durchführen und Ihr Gegenüber sozusagen überrumpeln, dann wird dieses fast immer auf irgendeine Weise Zustimmung signalisieren. In diesem Moment schauen Sie quasi in dessen Unterbewusstsein. Die Menschheit fühlt sich somit unterbewusst als Urheber einer Hölle. Und sie erkennt auf dieser Ebene, dass es sich um eine extrem hochgradige Widernatürlichkeit und eine kaum noch steigerbare Grausamkeit handelt, die es unter den Ordnungen der Natur eigentlich nicht geben könnte. Der Mensch als Individuum nimmt davon allerdings kaum etwas bewusst wahr, weil es auf der kollektiven Ebene sehr starke Verdrängungsmechanismen gibt.

Meinen Sie, dass es hier um das geht, was wir das Gewissen nennen und ist das Verdrängungsmotiv quasi darauf ausgerichtet, so etwas wie ein „schlechtes Gewissen“ zu unterdrücken?

Wenn Sie damit ein schlechtes Gewissen gegenüber den Tieren in der Massentierhaltung meinen, dann kann ich das verneinen. Das mag nachrangig eine Rolle spielen, ist aber sicher nicht das ganz tiefe und hauptsächliche Verdrängungsmotiv. Jedoch liegen Sie mit dem Begriff des Gewissens schon richtig. Es handelt sich dabei, so wie der Beschützerinstinkt, um uralte und grundlegende Emotionen, die bei allen sozialen Tierarten sehr wichtige Funktionen haben. Ihr evolutionärer Zweck war stets die Stabilisierung und Absicherung des eigenen Sozialgefüges, denn dieses ist die individuelle Existenzgrundlage und, noch wichtiger, die Basis zur Weitergabe der Erbinformationen. Diese und auch einige andere uralte Emotionen waren und sind also immer vorrangig auf einen Nutzen für das eigene Sozialgefüge ausgerichtet. Durch die industrialisierte Massentierhaltung wird nun die Tatsache so deutlich erkennbar wie durch nichts anderes jemals zuvor, dass dieses eigene Sozialgefüge sich praktisch diametral gegen fundamentale Ordnungen der Natur ausgerichtet hat. Die schon seit Jahrtausenden in das Unterbewusstsein verdrängte Ahnung, dass die Agrarmethodik mit künstlicher Zuchtwahl und lebenslanger Unterwerfung von anderen Tieren und Pflanzen in die Richtung der Selbstvernichtung des eigenen Sozialgefüges verläuft, ist jetzt also so nahe wie nie zuvor an die Oberfläche des Bewusstseins gerückt. Das gilt sowohl auf den individuellen als auch den kollektiven Ebenen.

Das mentale Problem ist also grundsätzlich nicht erst mit dem Aufkommen der industriellen Massentierhaltung entstanden? Tierhaltung gibt es ja auch schon seit mehreren Jahrtausenden.

Pichler: Nein, das mentale Problem ist grundsätzlich schon mit dem Beginn der Tierhaltung an sich und sogar der Landwirtschaft insgesamt entstanden. Auch die künstliche Zuchtwahl von Pflanzen läuft fundamentalen Ordnungen der Natur zuwider und dies muss ebenfalls schon sehr früh wahrgenommen worden sein. Nur waren eben die Auslöser in Form der gezüchteten und gehaltenen Tiere wesentlich stärker alles anderen Teile des Geschehens, weil sie ja schon durch die Ähnlichkeiten zu uns seit jeher den Hauptanknüpfungspunkt an die natürliche Realität bildeten. Das Verhältnis eines früheren Jägers und Sammlers zu den anderen Lebewesen war buchstäblich rein, weil diese, so wie es in der Natur seit mehreren Hundert Millionen Jahren war, genau wie er selbst ihr eigenes freies, also selbstbestimmtes Leben hatten und der Kontakt bei der Erbeutung auf beiden Seiten meist nur einen winzig kleinen Bruchteil der Lebensspannen ausmachte. Der wichtigste Anknüpfungspunkt an die reale Weltstruktur und ihre Regelmäßigkeiten war dadurch ungestört. Mit der sogenannten Neolithischen Revolution, also dem Beginn der Zucht und lebenslangen Haltung anderer Lebewesen, kam es vor ein paar Jahrtausenden zu einer sehr radikalen Zäsur. Nun stand der Mensch ziemlich plötzlich in einem Verhältnis mit anderen Lebensformen, die nicht mehr frei existierten und sich selbstbestimmt fortpflanzten, sondern die faktisch seine lebenslang und sogar über ihre Generationen hinweg unterworfenen Sklaven waren. Dadurch ist jene uralte natürliche Ordnung durcheinander geraten, an die sich die Kognition all unserer jagenden und sammelnden Vorfahren zumindest über fast 500 Millionen Jahre angepasst hatte. Solange gibt es bereits Wirbeltiere mit Gehirnen.

Aber hier würden nun viele heutige Menschen sagen, dass doch, wenn, dann das Töten die eigentliche Sünde sein müsse und somit gerade auch der frühere Jäger anderer Tiere dieselbe sogar mit eigenen Händen beging.

Ein Weißkopfseeadler gleitet vor blauem Himmel durch die Luft
Jedes in der Natur geborene Tier stirbt
irgendwann wieder. Aber zwischen
Geburt und Sterben liegt immer eine
relativ zu diesen Ereignissen
durchschnittlich vielfach größere
Zeitspanne der freien und gesunden
Entfaltung.

Pichler: Diese Haltung ist in der Zivilisation weit verbreitet, aber sie ist nichts anderes als ein Ablenkungsversuch im Rahmen der erwähnten Verdrängung. Man versucht von der unterbewusst wahrgenommenen Widernatürlichkeit der lebenslangen Unterwerfung anderer Lebewesen abzulenken, indem das auch in der Natur stattfindende Töten in den Mittelpunkt gerückt wird. Tatsächlich stirbt jedes geborene Lebewesen irgendwann wieder, das ist eine zentrale Regelmäßigkeit der Natur und Teil der Grundlage für die Vielfalt des Ökosystems. Aber es ist auch eine zentrale Regelmäßigkeit, dass zwischen Geburt und Sterben bei allen Spezies eine durchschnittlich sehr viel größere Spanne der freien Entfaltung des Individuums liegt. Das kurze und punktuelle Geschehen der Tötung eines freien Tieres zum echten Zwecke der Nahrungsbeschaffung oder auch die potenzielle Gefahr des entsprechenden Getötetwerdens aus der eigenen Freiheit heraus sind in dieser regelmäßigen Struktur keine Störfaktoren. Es handelt sich um eine meist sogar besonders schnell und überraschend verlaufende natürliche Todesursache am Ende einer freien Existenz und genauso wurde das von unseren Vorfahren auch realisiert. In der Natur ist die Freiheit der Dreh- und Angelpunkt, Geburt und Sterben sind dagegen nur unabdingbare Randerscheinungen des Lebens. Und übrigens ist das Töten eines lebenslang versklavten und somit völlig chancenlosen Tieres etwas ganz anderes als das Töten eines bis zu diesem Moment absolut freien und mit der Chance zum Entweichen versehenen Tieres. Das sind zwei sehr verschiedene Dinge. Es gibt auch Überlieferungen von Äußerungen früherer Jäger und Sammler, die nach ersten Kontakten mit der Zivilisation nicht nur die lebenslange Gefangenhaltung anderer Tiere an sich, sondern zudem auch den Akt des Tötens derselben aus dieser Gefangenschaft heraus als etwas äußerst Unehrenhaftes und Unmännliches wahrnahmen.

Gab es dann also schon ab der Neolithischen Revolution und somit auch lange vor dem Aufkommen der industriellen Massentierhaltung eine kollektive Psychose?

Pichler: Mit der sogenannten Neolithischen Revolution ist jedenfalls durch die radikale Abweichung von den seit jeher fest in die Kognition eingeprägten Regelmäßigkeiten der Natur eine sehr starke Kognitive Dissonanz entstanden. Und um deren unangenehme Spannungen zu reduzieren, wurden dann über Jahrtausende mit Hilfe der Phantasie künstliche Weltbilder hervorgebracht und angenommen, in denen die Widernatürlichkeit nicht mehr als solche erscheint. Das waren komplexe kollektive Prozesse. Ein sehr bekanntes, über 2000 Jahre altes Beispiel sind die allerersten Seiten des Alten Testaments und somit auch der Bibel, wo gleich zwei Mal ausdrücklich klargestellt wird, dass ein allmächtiger Gott dem Menschen aufgetragen habe, über alle Tiere zu herrschen und die ganze Erde zu unterwerfen. Diese klare Rahmensetzung des Weltbildes war das eigentliche Erfolgsrezept dieser Religionsgrundlage. Später haben dann die Philosophen die angebliche exklusive menschliche Vernunft erfunden, die wiederum die Voraussetzung der somit ebenfalls nur dem Menschen offenstehenden Freiheit sei. Es ging also immer um exakt das gleiche Hauptziel, nämlich die mit der Neolithischen Revolution begonnene Zucht und folglich lebenslange Versklavung der anderen Lebewesen mittels künstlicher Umdeutung der Realität zu legitimieren, um die unangenehmen Spannungen der Kognitiven Dissonanz zu reduzieren. Wer das gut schaffte, der wurde vom Publikum mit Zuspruch belohnt. Dabei war die Annahme und Überstülpung solcher künstlichen Weltbilder zur Spannungsreduzierung für sich gesehen selbstverständlich von vorneherein ein psychotischer Mechanismus, der ja den Geist bereits ziemlich weitgehend von der Realität abkoppelt.

Und die künstlichen Konzepte der Religionen und Philosophien funktionieren jetzt im Angesicht der industriellen Massentierhaltung gar nicht mehr?

Pichler: Bei den meisten Menschen etwa in Europa sind solche Erfindungen wie der Gottesbefehl und die angebliche exklusive Vernunft immer noch sehr prägend, auch wenn sie das nicht bewusst wahrnehmen. Aber diese künstlichen Geschichten reichen im Angesicht der extremen Eskalation von Zucht und widernatürlicher Versklavung nicht mehr aus und selbst mit noch so viel geistiger Verknotung und Phantasie ließe sich kein halbwegs funktionierender Ersatz mehr zusammendichten. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts liefen die meisten „Nutztiere“ zumindest in der warmen Jahreshälfte unter freiem Himmel herum, also auf Höfen und Weiden. Die Hühner pickten dort nach Insekten, die Rinder ästen Gras, die Fortpflanzung erfolgte durch einigermaßen normale Paarung und so weiter. Die Abweichungen von den natürlichen Regelmäßigkeiten waren dadurch noch auf einem relativ deutlich niedrigeren Grad und die wohltuenden Konzepte von Religion und Philosophie reichten aus, um die hauptsächlich unterbewusst verlaufenden Spannungen zu reduzieren. Heute existiert der überwiegende Anteil der Biomasse der Landwirbeltiere des Planeten in der Massentierhaltung. Die meisten sehen in ihrem Leben kein Tageslicht, keine grüne Pflanze, werden zu Tausenden aufs engste zusammengedrängt und zwangsweise künstlich befruchtet und somit faktisch vergewaltigt. Dazu kommt die Extremzucht. Sogenannte Hochleistungskühe können sich wegen ihrem großen Euter kaum bewegen, die alleine in Deutschland zig Millionen Masthühner entwickeln in drei Wochen so große Brustmuskeln, dass sie beim Aufstehen vorne überkippen. Die Informationen über diese lebensgeschichtlich völlig beispiellose und uferlos eskalierte Perversion sickern seit mehreren Jahrzehnten unvermeidlich zu allen aufnahmefähigen Menschen in den prägenden Industriestaaten durch. Sie werden dann zwar stets sehr schnell und kraftvoll von der Oberfläche des Bewusstseins verdrängt. Der Mensch als Individuum nimmt die enormen Spannungen deswegen zumeist fast gar nicht bewusst wahr. Aber sie wirken umso stärker im Unterbewusstsein und richten von dort aus eine starke Vergiftung des Geistes und seines uralten Anknüpfungspunktes an die Realität an.

Aber was passiert dann gerade in den Köpfen? Wenn der alte Anknüpfungspunkt jetzt gar nicht mehr richtig funktioniert, dann müsste sich der Mensch ja nun vollends von der Realität abgekoppelt haben.

Pichler: So kann man das definieren. Der kollektive Geist befindet sich nun in einer Art Leerlauf. Er hat praktisch den Kontakt zur Realität verloren und dreht sich ohne Sinn und Ziel um sich selbst. Das Geschehen lässt sich hilfsweise mit den Verläufen vergleichen, die bei einzelnen Individuen in der Endphase einer sehr schweren Psychose auftreten. Am Anfang der Krankheit hat sich diese noch durch relativ leichtere Verrückungen geäußert, auf den kollektiven Prozess übertragen entspräche dies den erwähnten Religionen und Philosophien. Jetzt am Schluss aber verliert der Betroffene jegliche rationale Anknüpfung an die Realität. Er hat keinerlei Leitrahmen zur Orientierung mehr, trifft nur noch Fehlentscheidungen, erkennt Gefahren nicht, vernachlässigt seine Nahrungsaufnahme und seine Körperpflege, betäubt sich mit allerlei Substanzen und geht, so er keine Betreuung hat, an einer Kombination aus all dem und vielem mehr zugrunde. Er ist nun, einfach zusammengefasst, vollkommen überlebensunfähig. Und zwar selbst dann, wenn seine ursprünglichen geistigen Potenziale bei weitem ausgereicht hätten, um sich in der Realität sehr gut zurechtzufinden.

Das würde also bedeuten, dass praktisch alle der vielen, mittlerweile sehr unübersichtlichen Eskalationen rund um die heutige Menschheit Symptome dieser durch den Kontaktabriss von der Realität entstandenen Lebensunfähigkeit sind?

Pichler: Ja, auf das Kollektiv der heutigen Menschheit übertragen drückt sich die physische Selbstzerstörung unter anderem in der zügigen Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen durch uferlosen Konsumrausch aus und durch vielfältige Fehlentscheidungen bezüglich Intensivlandwirtschaft und Technologien. Zu den Folgen gehören etwa die zunehmende Kontamination der fruchtbaren Böden mit Dünger und toxischen Pestiziden sowie Schädigung des Oberflächenwassers. Der größte Anteil an den gegenwärtigen ökologischen Zerstörungen wird übrigens ausgerechnet der Tierhaltung zugeordnet. Wenn zum Beispiel etwa in in Südamerika Regenwälder abgeholzt werden, um landwirtschaftliche Flächen zu schaffen, dann sind dies hauptsächlich solche auf denen Soja und anderes Tierfutter für die industrialisierte Tierhaltung in anderen Kontinenten angebaut wird oder es geht um neues Weideland für die Rinderzucht. Aktuell befindet sich der globale Konsum von tierischen Nahrungsmitteln in einer nie dagewesenen Beschleunigung. In vielen sogenannten Schwellenländern wollen die Menschen das essen, was ihnen die Industriestaaten quasi vorgelebt haben. Insgesamt wird also ausgerechnet die gemeinsame Hauptursache der psychologischen als auch der physischen Schäden eskaliert. Wenn Sie nun einmal die Zivilisation als ein einzelnes Wesen betrachten, dann trifft dieses gerade quasi die dümmsten und selbstzerstörerischsten aller möglichen Entscheidungen.

Welche weiteren Schäden ergeben sich durch die Verdrängung und den Abriss von der Realität auf der kollektiven Ebene?

Pichler: Die weiteren Schäden auf der psychischen Ebene liegen in schweren Verlusten der äußerst wichtigen Wahrnehmung der Schönheit und Faszination der Natur und somit der Realität. Zum Zwecke der Verdrängung wird versucht, die Natur und somit die gesamte nichtmenschliche Realität möglichst grausam und primitiv erscheinen zu lassen, um dagegen die eigene extreme und völlig widernatürliche Grausamkeit ausblenden zu können. Auch wird versucht, durch Verniedlichung und Verhätschelung von Kompensationsobjekten, wie etwa Eisbärenbabies im Zoo, den Menschen als etwas besonders Gutes aussehen zu lassen, das sich von der angeblich grausamen Realität abhebt. Das sind eindeutige Symptome einer schweren Psychose, die Sie in den Massenmedien vielfältig beobachten können. Der Verlust der Wahrnehmung der Natur und somit der Realität als etwas Schönes und Faszinierendes hinterlässt ein brutales Vakuum. Dies führt zu enormen geistigen Verflachungen und zu unbändigen Drängen in allerlei sinn- und uferlosen Konsum sowie in künstliche Ersatzrealitäten. Und insgesamt kommt es zu einer in den Massenmedien ebenfalls gut sichtbaren, orientierungslosen Zerfledderung von kollektivem Bewusstsein und Intelligenz. Das ist eine ursprünglich von den Industrienationen ausgehende Schussfahrt der gesamten Menschheit in die völlige Überlebensunfähigkeit und sehr baldige Selbstzerstörung. Die genannten Symptome werden sich wahrscheinlich schon innerhalb der nächsten Jahre deutlich verstärken und zunehmend wie eine kollektive Verblödung wirken. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Menschheit am Schluss, quasi im Todeskampf, zumindest weite Teile des höheren Lebens auf der Erde mit den Abgrund ziehen und vernichten wird.

Um noch mal kurz auf die individuelle Ebene zurückzukommen, also etwa zu dem eingangs erwähnten Kleinkind, das das Eichhörnchen fokussiert: Diesem würde ja dann, auch wenn die kollektive Verdrängung grundsätzlich wirkt, im weiteren Verlauf seiner Existenz als Individuum schwere geistige Schäden entstehen?

Pichler: Selbstverständlich ist das so. Alle Teile des kollektiven Prozesses bestimmen ja auch das Individuum, das können Sie nicht trennen. Abgesehen davon, dass der Gesamtprozess die Zukunft der heutigen Kinder zerstört, ist ja schon alleine der Verlust der Wahrnehmung der Schönheit der Natur ein sehr großer geistiger Schaden auf der aktuellen individuellen Ebene. Jenes Kind, das einst mit reiner und großer Faszination das Eichhörnchen fokussiert hat, wird schon innerhalb der nächsten Jahre langsam aber sicher erfahren, dass es in ein System hineingeboren wurde, welches anderen Tieren eine völlig perverse Hölle der lebenslangen Versklavung bereitet, die es in der von ihm selbst bezeugten Natur nicht geben könnte. Da die bewusste Realisierung der extremen Widernatürlichkeit dieses Geschehens auf Grund der Tragweite ohne Unterstützung unmöglich ist und es diese Unterstützung nicht gibt, wird es sich unter den Schirm der kollektiven Verdrängung ducken. Es wird folglich auch nichts weiter von der Freiheit als zentrale Regelmäßigkeit der Natur lernen, sondern stattdessen aus der Erwachsenenwelt heraus erfahren, dass die Natur und somit die Realität grausam und das Eichhörnchen nur eine bewusstlose Nebensächlichkeit sei. Was übrig bleibt, ist ein relativ winzig kleines und gegenüber der Realität völlig verrücktes Weltbild, mit dem keine gesunde Ausfaltung des Geistes stattfinden kann. Den heutigen Kindern wird gewissermaßen die kollektive Psychose aufgedrückt. Eigentlich müsste jeder Erwachsene, der nichts dagegen tut, irgendwie zur Rechenschaft gezogen werden. Oder zumindest diejenigen, die einen größeren Einfluss auf das Kollektiv haben.

Gibt es nach Ihrer Ansicht jetzt noch Chancen, den fatalen Gesamtprozess zu stoppen oder gar umzukehren?

Pichler: Falls es noch letzte Chancen gibt, so könnten sie nur in einem tiefgreifenden und schnellen Prozess der Aufklärung über den Gesamtzusammenhang der Natur, über die Widernatürlichkeit der gesamten Agrarmethodik und über den Verdrängungskomplex liegen sowie einer anschließenden praktischen Anpassung. Das wäre wieder eine sehr radikale Zäsur. Dass die schädlichste Hauptursache der aktuellen Eskalation, also die industrialisierte Massentierhaltung, per sofort vollständig beseitigt werden müsste, ist nur ein Teil davon. Es ginge auch um sehr weitreichende Neuausrichtungen von Lehre und Wissenschaft. Solche Nachrangigkeiten wie etwa Mathematik oder Teilchenphysik könnten als Nebenfächer weiter betrachtet werden, aber in den Mittelpunkt müssten die belebten Ebenen der Natur gerückt werden, also etwa die Regelmäßigkeit der Freiheit und die schon von Charles Darwin dargelegten Gesetzmäßigkeiten der freien Evolution. Auch müssten die vielen Selbstlügen, wie etwa die Konzepte des angeblichen exklusiven Bewusstseins oder der ebensolchen Vernunft des Menschen, so entlarvt werden, dass sie sich in den Köpfen der Menschen möglichst restlos auflösen können. Für nichts davon wurde ja je ein empirischer Beweis gefunden, das waren alles Erfindungen im Rahmen der Verdrängung. Mit einer echten Aufklärung würde eine Gesundung des kollektiven Geistes eingeleitet und die Überlebensfähigkeit zügig ansteigen. Theoretisch würde das funktionieren. Die Frage wäre nur, ob die Zeit dann noch ausreicht. Das Ganze ist ja so wie ein vollbesetzter schwerer Zug, der auf einen Abgrund zurast.

Aber wie ließe sich so eine Aufklärung konkret herbeiführen? Es scheint ja tatsächlich in der Gegenwart eher zu einer rasanten Zuspitzung in die andere Richtung zu kommen. Das gesamte Interesse der Menschen konzentriert sich immer mehr hin zu Konsum und flacher Unterhaltung als zu grundsätzlichen Fragen der Realität. Man könnte sogar den Eindruck bekommen, dass die von Ihnen vorausgesagten Verblödungssymptome schon aktuell sehr ausgeprägt sind.

Pichler: Ob die vielleicht noch vorhandenen letzten theoretischen Chancen überhaupt noch praktisch umsetzbar sind, vermag ich nicht zu sagen. Aber wo ihr realistischster Ansatz läge, das lässt sich erkennen. Da die Ebenen der Erwachsenen praktisch durchweg von klein auf, durch die gesamte Jugendzeit und bis in die Gegenwart von den vielfältigen kollektiven Verdrängungsmechanismen geprägt wurden, kann eine bei ihnen ansetzende Aufklärung nicht oder nur oberflächlich funktionieren. Die einzige theoretische Chance würde darin bestehen, das gesamte Bildungssystem darauf auszurichten, den nachrückenden Kindern so früh und so intensiv wie möglich die Realitäten der Natur und direkt auch die Widernatürlichkeiten der Zivilisation zu erklären. Sogar schon in den ersten Bilderbüchern und Vorlesebüchern müsste dies im Mittelpunkt stehen. Und in der Schule müssten die Hauptfächer dann durchweg von der ersten bis zur letzten Klasse weiter vertiefend darauf ausgerichtet sein sowie auch auf die offensive Auflösung der Verdrängungsmechanismen.

Danke für das Interview!